Eine Alternative

Alle paar Monate tue ich es doch mal wieder: Bahn fahren. Sei es mangels fahrbaren Untersatzes oder aus sonstigen Gründen, doch es kommt durchaus vor. So auch letzte Woche, als ich mich aufmachte, vom Rhein-Main Gebiet aus in Richtung Leipzig das Land zu befahren. Ich möchte mich für die angestaubte Wortwahl direkt entschuldigen, aber ich finde, Bahn fahren hat irgendwie immer etwas traditionelles. Und das würde mir direkt bestätigt, als mich bereits kurz nach Einstieg der wiederauferstandene Herbert Zimmermann, bekannter Sportreporter im Jahre 1954, aus den Lautsprechern begrüßte („Im Wagen 26 befindet sich das Borrdrrestaurrrrant mit Borrrdbistrrro. Nächsterrr Halt: Frrrrrankfurrrterr Hauptbahnhof). So weit, so gut. Aber da war ich auch noch relativ allein.

Was sich an besagtem Frrrankfurrter Hauptbahnhof schlagartig änderte. Nicht nur stiegen unzählige Fahrgäste zu, auch dieser Prozess, weitaus simpler als etwa das Besteigen eines Flugzeuges, bekam Eventcharakter. Aus irgendeinem Grund kann kein Rentner einen Zug so besteigen, dass es für seine Angetraute zufriedenstellend wäre. Reihenweise werden hilflose Großväter von ihren Frauen durch den Zug zusammengeschrien. Und man fragt sich, was um alles in der Welt der Gerold nur so falsch gemacht haben kann. In Ermangelung geeigneter Abstellmöglichkeiten wird mit dem Hartschalenkoffer ein Schuljunge auf der Toilette eingesperrt, und treffen in der Mitte des Großraumabteils zwei Rucksacktouristen aufeinander, kann es Verletzte geben.

Ein großer Teil dieser ganzen Aufregung ist wohl auf die freie Platzwahl zurückzuführen. Diese führt zu wildem Hin- und Hergerenne, man müsse doch hier, aber nein da ist noch einer am Fenster, hier wären zwei mit Tisch, aber nein der ist reserviert, aber doch nur ab Weimar, da könnte man ja noch mal wechseln, überhaupt im anderen Waggon ist wohl noch ganz viel frei….Und weil das alles so aufregend ist, muss die Platzwahl die gesamte nächste Stunde diskutiert werden, am besten mit möglichst vielen Mitreisenden. Ach ja und wohin fahren sie, ja wir kommen ja aus… Nein, dafür habe ich mich nicht in den Ruhebereich gesetzt. Da hilft nur eines: Kopfhörer auf (ich habe zu diesem Zweck besonders große, auffällige).

Dabei hat Bahn fahren auch Vorteile. Derart entspannt könnte ich diese Zeilen bei 200 km/h wahrscheinlich nur im Fond von etwas wirklich unbezahlbarem verfassen. Man kann in die Landschaft gucken und der Prozess des Reisens ist ziemlich entspannt – Ticket kaufen, einsteigen, aussteigen, da.

Doch neben den unentspannten Mitfahrern gibt es ein noch viel grundsätzlicheres Problem mit der Bahn. Ein Verkehrsmittel dient dem Transport, sollte daher entweder schneller, günstiger oder wenigstens bequemer sein als die anderen. Aber auch wenn ein moderner ICE theoretisch hunderte von Kilometern in der Stunde zurücklegen könnte, dümpelt er auf dem Großteil der Strecke doch zwischen 120 und 150 dahin. Dass dazu jeder Provinzbahnhof auf dem Weg angesteuert wird, beschleunigt das Ganze auch nicht gerade. Am Ende ist dauert die Fahrt im besten Fall genauso lang wir mit dem Auto.

Schnellster also nicht. Aber dafür ist die Bahn ja auch am billigsten. Ja? Wer ohne Bahncard und nicht bereits drei Monate im voraus ein Ticket kauft, wird schnell feststellen: Nein, 99 Euro für eine Fahrt von Frankfurt nach Berlin ist nicht wirklich günstig. Zugegeben – Bahn fahren kann bequem sein. Doch dafür sollte man nicht nur in der Nähe eines Hauptbahnhofs wohnen und grundsätzlich nur fahren wenn der Rest der Menschheit schläft, sondern am besten auch noch Erster Klasse, nur zur Sicherheit.

Das nächste Mal wieder etwas mit richtigen Rädern.

P.S.: Jene Reise trägt die alleinige Schuld an der längeren Durststrecke auf dieser Seite. Ehrenwort.

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