And now for something completely different.

Wir machen uns da ja immer gern ein wenig lustig: Ach guck mal, die Engländer und ihre Tradition, süß. Nun hat eine kleine Firma aus Norfolk ihre Tradition komplett über den Haufen geworfen: Lotus. In Paris hat man nicht weniger als fünf neue Modelle vorgestellt. Was viel ist, wenn man bedenkt dass die aktuelle Palette bereits nach drei Modellen erschöpft ist. Alles ist dabei, vom Supersportwagen Esprit über das viertürige Coupe Eterne bis hin zur neuen Elise. Auf der Motorshow in Los Angeles wurden die neuen Modelle nun nochmals ausgestellt, und um die Wichtigkeit dieser Neuheiten zu betonen, drapierte Lotus in bester Audi-Manier einen Haufen Prominente um den Messestand.

Um den Kurswechsel und die plötzliche Offensive zu verstehen, muss man nur die jüngere Geschichte anderer englischer Traditionsmarken betrachten. Bentley zum Beispiel, oder Aston Martin. Diese waren jahrzehntelang damit glücklich, alle zehn Jahre ein neues Modell zupräsentieren und davon dann etwa vierzehn Exemplare pro Jahr herzustellen. Inzwischen haben sie allerdings ihre Strategie geändert, und aus ehemaligen Kleinstunternehmen sind so genannte Global Player geworden – die massiv Gewinne einfahren. Von diesem Kuchen will nun auch Lotus ein Stück. Sicherlich schielt auch der neue malaysische Eigentümer Proton auf die Umsätze von Aston & Co.

Um genau das zu tun, wirft man nun also gleich fünf neue Modelle auf den Markt, die auf die Kundschaft abzielen, die sich bisher bei Ferrari, Lamborghini, Bentley oder Aston Martin bedient hat. Was ich persönlich mehr als schade finde, denn Lotus gibt hiermit seine Markenidentität auf. Anstatt eine eigene Philosophie zu verfolgen, reiht man sich ein in die Supercar-Riege, ohne dem Thema etwas Eigenes hinzu zu fügen. Dabei hätte man die Möglichkeit gehabt, Lotus hat riesige Erfahrung in Leichtbau und Motorsport. Leichtbau ist das Gebot der Stunde in der Automobilindustrie, da es neben Motorenentwicklung der einzige Weg zur Reduzierung von Verbrauch und CO2-Ausstoß ist. Nur mit ihr lässt sich ein sportliches Auto bauen, dass dennoch halbwegs ökologisch vertretbar ist. Und vom Motorsport weiß man, dass Gewicht der natürliche Feind von Quer- und Längsdynamik ist.

Stellvertretend für diese Entwicklung steht die neue Elise. Als der kleine Lotus Mitte der Neunziger die Bühne betrat, machte konsequenter Leichtbau den 680 (!) Kilo schweren Sportler konkurrenzlos. Leider legten schon die Nachfolgemodelle immer etwas drauf, und auch obwohl der letzte Elise unter den Sportwagen ein Leichtgewicht ist, hat er gegenüber dem ursprünglichen Modell doch einen kleinen Bierbauch angesetzt. Das für 2013 geplante Modell ist mit 1,3 Tonnen nun weit davon entfernt, „geringes Gewicht“ als besonderes Merkmal führen zu dürfen.

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass die neuen Modelle nicht konkurrenzfähig sein werden. Aber mit der Anwendung der Formel „Mehr PS gleicht größeres Gewicht aus“ verliert Lotus sein Alleinstellungsmerkmal. Dazu kommt, dass Lotus mit den neuen Modellen relativ spät dran ist. Wie es ein Kommentator treffend formuliert hat: Die neuen Modelle wirken zwar heute modern, aber wenn sie 2015 auf den Markt kommen, wird die Konkurrenz schon wieder einen Schritt weiter sein.

Aber keine Sorge, denn offensichtlich werden früher oder später andere in die Nische springen. Es steht wohl inzwischen fest, dass Abarth, die vor drei Jahren wiederbelebte Performance-Marke von Fiat, bald einen eigenen Sportwagen bauen wird. Die Eckpunkte, die bereits bekannt sind, suggerieren ein Elise-ähnliches Konzept (nicht zuletzt, weil Abarth sich gerüchteweise am Chassis der aktuellen Elise bedienen wird): mit um die 30.000 Euro durchaus bezahlbar, Mittelmotor, kompakte Abmessungen. Im Internet geistern verschiedene Skizzen herum, die alle äußerst vielversprechend aussehen.

Leichte Sportwagen werden also nicht aussterben. Für Lotus kann man nur hoffen, dass sie in der schnellebigen Welt von Filmstars und Supersportwagen nicht bald untergehen.

Bildquellen:

auto.ch.msn.com
de.autoblog.com

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