P 4/5 Competizione

Wer gern darüber schwadroniert dass früher ja alles besser war, der schaut manchmal auch auf den Motorsport. Früher manövrierten furchtlose Helden formschöne und übermotorisierte Traumwagen über unebene und unberechenbare Rennstrecken, die den ganzen Kerl forderten. Heute fahren hochgezüchtete, charakterlose Technologieträger sich selbst über spiegelglatte Fahrbahnen, und nie passiert irgendwas! Was meistens bedeutet, dass es weniger Tote und Verletzte gibt. Das ist zwar eigentlich gut, wird vom Zuschauer aber gern als Verlust von Dramatik aufgefasst.

Rennwagen heutiger Tage machen einen guten Job, wenn es um die Sicherheit ihrer Fahrer geht. Und es läßt sich nicht bestreiten, dass ein modernen Formel 1 Wagen Kreise um Alain Prosts McLaren fahren würde, Fortschritt funktioniert also. Doch auf der anderen Seite muss dabei etwas verloren gegangen sein, und wer die Antwort im Design sucht, liegt sicher nciht ganz daneben. Selbst im Rallyesport: Was sind schon die aufgepumpten Kleinwagen, die heute über Schotterpisten gejagt werden, verglichen etwa mit dem zeitlos schönen Lancia Stratos.

Moderne Technik mit traditionellem Design zu verbinden, diese Idee hat sich ein gewisser James Glickenhaus im Jahre 2005 in den Kopf gesetzt. Finanziell eher unter den Sorglosen, beauftragte er gleich niemand geringeren als die Designschmiede Pininfarina mit einer modernen Interpretation der legendären Ferrari P-Modelle. In den 60er und 70er Jahren entwickelte Ferrari Modelle mit dem Zusatz „P“ für Langstreckenrennen und bereits das erste Modell, der 250 P, gewann auf Anhieb die 24 Stunden von Le Mans und die 1000km auf dem Nürburgring. Vor allem der 1967 eingesetzte P3/4 und die P4s sind im Gedächtnis des Rennsports geblieben – kein Wunder, just look at it.


Die Initiative des Projektes lag aber wohl bei Pininfarina selbst, die an den wohlhabenden Ferrari-Kunden Glickenhaus mit dem Vorschlag heran traten, ihm einen individuellen Sportwagen zu bauen. Er müsse nur als Basis einen Ferrari Enzo kaufen und vier Millionen Dollar überweisen. Ein Schnäppchen. Doch der Herr war angetan, und das Projekt wurde verwirklicht. Im Juli 2006 durfte die Welt das Ergebnis beschauen, das vollständig „Ferrari P4/5 by Pininfarina“ heißt.

Dass der Auftraggeber ein Fan der Ferrari P-Modelle ist, des P3/4 im speziellen, ist kaum zu übersehen. Aber: das Ergebnis war ein Sportwagen für die Straße, während seine großen Vorbilder ausschließlich für den Motorsport gebaut wurden. Diesen Widerspruch aufzuheben, das war der logisch nächste Schritt. So wurde das Projekt P4/5 Competizione geboren. Unter der Leitung von Paolo Garella, der bereits das Modell für die Straße federführend mitentwickelt hatte, sollte ein Motorsportler für die Langstrecke entstehen, ganz in der Tradition der P-Serie.

Dass es sich beim P4/5 Competizione nicht nur um ein Wochenend-Schrauber-Projekt handelt, dafür sprechen die Ambitionen des Teams. Vorläufiges Ziel der Truppe um Glickenhaus und Garella ist nicht etwa die Teilnahme an irgendeinem Wald-und-Wiesen-Rennen, sondern die 24 Stunden auf der Nordschleife des Nürburgrings am 25. Juni.
Und damit auch ein respektables Ergebnis eingefahren werden kann, wurde ein erfahrenes Fahrerteam verpflichtet und nur feinste Renntechnik verbaut – als Basis dient ein Ferrari 430 GT2. Trotz dieser engen Verwandschaft bleibt der P4/5 ein eigenständiges Projekt und führt kein „Ferrari“ vor dem Namenskürzel (auch wenn dies in der Presse gern behauptet wird).

Der Aufwand scheint sich zu lohnen, jüngst verließ man bei einem 6-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring als Dreizehnter von 127 den Asphalt. Doch stellt sich die Frage, ob der Erfolg des Projektes allein an der Platzierung gemessen werden sollte.
Realistisch betrachtet wird der P4/5 die 24 Stunden in der grünen Hölle wahrscheinlich nicht gewinnen, dafür hat das Team zu wenig Erfahrung in der Eifel. Das scheint allerdings auch garnicht das primäre Ziel von Glickenhaus zu sein. Der Teamchef lebt seinen automobilen Traum aus, und will Zuschauer und Fans daran teilhaben lassen. Wie das Design des Wagens schaut er hier wehmütig in die Vergangenheit: „Früher konnte jeder Fan in die Box gehen und die Autos berühren. Mit dem Projekt P4/5 wollen wir diesen alten Geist wiederbeleben“.

Im 21. Jahrhundert funktioniert das auch online, per facebook und youtube konnte jeder den Entwicklungsprozess des Rennwagens beobachten. Bei Testfahrten auf der Nordschleife war der P4/5 bereits Publikumsliebling, auf die Facebookseite des Teams werden selbstgemachte Vorschläge zur Lackierung gepostet. Über 7000 Anhänger verfolgen die Geschehnisse im Team, weit mehr als bei jedem anderen teilnehmenden Team.

Nun wird am Rennwochenende die Box des Teams sicher nicht voller Motorsportfans sein, und man möchte natürlich konkurrenzfähig sein, also kein kompromissloses back-to-the-roots. Das muss aber auch garnicht sein, bereits jetzt genießt das Team große Sympathien. Denn was Glickenhaus und seine Jungs da machen, ist ein Abenteuer: eine verrückte (und teure) Idee, die einfach mal umgesetzt wird – mit allen Unwägbarkeiten. Es sind genau diese Unwägbarkeiten, die Motorsport interessant machen, sei es nun plötzlicher Regen, neue Teile und experimentelle Technologien oder menschliche Faktoren. Wer ein Rennen gewinnen will, muss diese Unischerheiten verkleinern, um das optimale aus Mensch und Maschine heraus zu holen.

Aber wer will schon Rennen sehen, deren Verlauf schon vorher fest steht? Das Projekt P4/5 Competizione ist deshalb so interessant, weil neben dem emotionalen Design und der Einbeziehung von Fans vor allem keiner weiß, wie es ausgehen wird. Es ist eben ein Schuss ins Blaue, und wir sind gespannt, was passieren wird. Deshalb ist Glickenhaus‘ Traum, egal wie erfolgreich er am Ende sein, auf jeden Fall eine Bereicherung.

Mehr Bilder auf der Facebookseite des Projekts:
www.facebook.com/P45Competizione

Video zum 6 Stunden Rennen:

Bildquellen:
supercars.net
ferraricarfans.com

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