Empfehlung: Tschick.

„Tschick hatte sich auf seiner Seite auch aus dem Fenster gehängt und steuerte den Lada mit der rechten Hand eine kleine Anhöhe hinauf. Es war, als ob der Lada ganz von alleine durch die Felder fuhr, es war ein ganz anderes Fahren, eine andere Welt. Alles war größer, die Farben satter, die Geräusche Dolby Surround, und ich hätte mich, ehrlich gesagt, nicht gewundert, wenn auf einmal Tony Soprano, ein Dinosaurier oder ein Raumschiff vor uns aufgetaucht wäre.“

Wolfgang Herrndorfs Geschichte von Maik und Tschick, die mit einem geklauten Lada in die Walachei aufbrechen ist Brandenburgs „Huckleberry Finn“. Ein Roadmovie, den ich bedenkenlos allen mir bekannten Kindern und Jugendlichen schenken würde. Denn er handelt von dem Drang, abzuhauen, etwas selbst zu entdecken, unterwegs zu sein, kurz: Lust auf Abenteuer. Denn darum geht es bei Tschick: Sich auf den Weg machen und die Welt mit eigenen Augen sehen.

Die Geschichte erzählt Maik selbst. Er ist in der achten Klasse und mitten in der Pubertät, was vielleicht die ausführliche Schilderung der eigenen Misere erklärt. Unglücklich verliebt, in der Schule der unauffällige Außenseiter, die Mutter trinkt, der Vater hat eine Affäre, das volle Programm. Maik versinkt im Selbstmitleid und hält sich selbst für den langweiligsten Menschen der Welt. Sein russlanddeutscher und etwas schräger Mitschüler Tschick reißt ihn aus seiner Lethargie. Die beiden Außenseiter tun sich zusammen, „leihen“ sich von einem Hinterhof einen alten Lada und entfliehen den trostlosen Sommerferien. Über das Ziel sind sie sich zunächst nicht einig – für Maik ist die Walachei ein Ort wie „in der Pampa“, etwas das es nicht gibt, doch Tschick schwört, dort eine Großtante zu haben. Und dann sind sie auch schon auf dem Weg, ohne Plan, ohne Führerschein, Hauptsache unterwegs. Ob sie selbst daran glauben, das Ziel jemals zu erreichen, darf bezweifelt werden. Aber darum geht es auch gar nicht.

Herrndorf schafft es nämlich nicht nur, den erwachsenen Leser neidisch auf die jugendliche Entdeckungslust und Sorglosigkeit schielen zu lassen. Es gelingt ihm auch, den Reiz des Unterwegs Seins präzise einzufangen, und das innerhalb der Grenzen der ostdeutschen Provinz. Die Essenz: man muss nicht unbedingt tausende von Kilometern zurücklegen, um etwas zu entdecken und davon überwältigt zu sein. Brandenburg ist auch schön. Denn der größte Reiz des Reisens ist es, selbst Entdecker zu sein. Der zufällig entdeckte einsame Bergsee ist deshalb immer einprägsamer als der Superausblick, zu dem einen der Reiseführer gebracht hat. Und um auf Entdeckungsreise zu gehen, dafür reicht auch ein alter Lada und die Mark Brandenburg. Natürlich lernt man auf einer solchen Reise auch eine Menge über sich selbst und seine Begleiter – und kehrt etwas erwachsener wieder zurück.

„Tschick“ ist ein Plädoyer für die Entdeckungsreise, für das Selbst-auf-den-Weg-machen und die Welt angucken. Und wer jetzt selbst mal gucken möchte: „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, bald auch als Taschenbuch. Oder als Leihexemplar bei mir.

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Eine Antwort zu Empfehlung: Tschick.

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Buch viel mehr will, als zu unterhalten, das jedenfalls tut es sehr gut und unterm Strich bleibt einiges nach der Unterhaltung hängen. Gute Rezension über ein gutes Buch.

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