Bloss nicht (dran) denken!

Am nächsten Wochenende wird der Formel-1-Grand Prix von Bahrain stattfinden – da hat sich die Motorsport-Organisation FIA am Freitag festegelegt. Das ist nicht selbstverständlich, denn in Bahrain gibt es so einige innenpolitische Probleme.

Mancher wird sich erinnern, dass das Rennen auf dem Bahrain International Circuit im letzten Jahr aufgrund der Unruhen im Land abgesagt wurde. Im Zuge des arabischen Frühlings begannen auch in Bahrain Proteste, die schiitische Bevölkerung fühlt sich vom sunnitischen Königshaus benachteiligt. Im Februar/März 2011 kam es dann zu einer Eskalation, die nur mithilfe von Soldaten aus Saudi-Arabien beendet werden konnte. Daraufhin wurde das Formel-1-Rennen, dass am 13. März stattfinden sollte, abgesagt. Im November 2011 legte eine internationale Kommission einen Bericht über die Eskalation im Frühling vor, der einen Weg aus der Gewalt durch Dialog aufzeigen sollte. Der politische Prozess ist allerdings ins Stocken geraten. Das Regime setzt die Vorgaben des Berichtes nicht durch, während die Opposition mit einer erneuten Eskalation der Lage droht. Jeden Abend liefern sie sich mit Polizeikräften Straßenschlachten mit Molotov-Cocktails, die Polizei antwortet mit Tränengas. Vor etwa einer Woche wurden bei einem Sprengstoffanschlag sieben Polizisten verletzt. Die Behörden gehen währenddessen  mit polizeistaatlichen Methoden willkürlich gegen Oppositionelle vor.

Mitten in diese geladene Stimmung soll nun der Formel-1-Zirkus einfahren. Auch wenn die Situation in Bahrain mit der vor etwa einem Jahr nicht zu verlgeichen ist, kann doch von Entspannung keine Rede sein. Und so stellt sich die moralische Frage: Sollte eine globale Sportveranstaltung in diesem Land gastieren? Wie es Sportveranstalter in solchen Situationen immer tun (siehe die Olympiade in Peking), zieht sich die FIA auf das Argument zurück, man betreibe Sport und wolle mit der Politik möglichst nichts zu tun haben. Das klingt erst einmal nachvollziehbar. Doch kann eine derart große Veranstaltung unpolitisch sein?

Politik ist, stark vereinfacht ausgedrückt, die Verteilung von Ressourcen. Schon aus diesem Grund kann es niemals unpolitisch sein, wenn mit Budgets in der Größenordnung von Fußballgroßveranstaltungen oder Formel-1 Rennen hantiert wird. So auch in Bahrain. Die Wirkung geht über das sportliche weit hinaus, auch wenn die FIA das konsequent ausblendet. Neben dem finanziellen Aspekt ist vor allem problematisch, dass für die protestierende Bevölkerung das Formel-1-Rennen als das „Baby“ von Kronprinz Salman bin Hamad bin Isa Al Chalifa angesehen wird. Kein Wunder, ist dieser doch in Personalunion auch Vorsitzender des nationalen Rennsportverbandes, und leitet nebenbei die Streitkräfte des Landes. Mit der Veranstaltung will er Normalität und Sicherheit demonstrieren, auch um verunsicherte Investoren wieder ins Land zu locken. Soviel zur Trennung von Politik und Sport.

Dennoch setzen sich alle Beteiligten Scheuklappen auf. Am Freitag letzte Woche legte sich Formel-1-Chef Bernie Ecclestone fest: der Grand-Prix wird stattfinden. Beim Rennen in Singapur am Wochenende war die Situation in Bahrain allenfalls ein Randthema, allein die Frage schien von Belang, ob es denn für die Teams sicher sei. Kein Wort über Menschenrechte, nicht einmal warum in dem kleinen Wüstenstaat überhaupt auf die Straße gegangen wird, wurde thematisiert. Und dass im März Demonstranten teilweise Rennanzüge und Gewehrattrappen trugen? Bloss nicht.

Die FIA will es sich mit Bahrain nicht verscherzen, RTL will es sich mit der FIA nicht verscherzen. Das führt dazu, dass kritische Berichterstattung zu den Unruhen unterlassen wird, und das ist in einem Zustand, in dem aufgeklärte und veranwortungsvolle Medien eigentlich auf die Zustände im Land hinweisen sollten, schlichtweg falsch. Währenddessen kann das Regime unbedrängt Oppositionelle in Gefängnisse stecken, in denen nachweislich gefoltert wird. Und so leistet die FIA, ob das nun ihre Absicht ist oder nicht, dem Regime Beihilfe.

Crisis Group: Conflict Alert Bahrain
Reporter ohne Grenzen: Bahrain einer der gefährlichsten Orte für Journalisten weltweit
Stern: Gewalt in Bahrain allgegenwärtig
Spiegel: Protest gegen Formel 1 in Bahrain (letzte Woche)

Bildquelle: Reuters

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2 Antworten zu Bloss nicht (dran) denken!

  1. Anti Bernie schreibt:

    Der Beitrag ist sicher angebracht, aber es liegt ein Irrtum zu Grunde:
    „…in dem aufgeklärte und veranwortungsvolle Medien…“ – das schließt RTL und generell Privatfernsehen (mittlerweile auch Teile des öffentlich-rechtlichen Fernsehens) nun wirklich aus oder nicht?

    Zum Thema „nachweislich gefoltert“ – das halte ich für eine gefährliche Formulierung! Wo ist der Nachweis? Ich will damit nicht das Regime verteidigen, aber gerade hier ist journalistische Sorgfalt wichtig – und dazu gehört eben auch, dass oppositionelle Quellen hinterfragt werden – ansonsten wird es populistisch. Und das wäre dann wieder bedauerlich.

  2. Benjamin schreibt:

    Zum ersten: Das kann man ja so sehen, aber das bedeutet ja nicht, dass es keiner Kritik bedarf, oder? Das wäre ja sonst Resignation.

    Ok, „nachweislich gefoltert“ ist so ohne Erklärung vielleicht etwas weit aus dem Fenster gelehnt. Die Darstellung basiert auf dem Bericht von an Amnesty International.

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