Aus aktuellem Anlass: Raymond Loewy

Jedem, der Google nutzt (und das ist ja quasi jeder) ist vielleicht schon das heutige Doodle aufgefallen: Der zum Schnellzug stilisierte Google-Schriftzug soll an den 120. Geburtstag von Raymond Loewy erinnern. Wer?

Kurz: Raymond Loewy war Designer, genauer: Industriedesigner. Und er ist ein gutes Beispiel für zahlreiche Designer, die unser tägliches Leben mitgestaltet haben, und sich dennoch keiner hohen Bekanntheit erfreuen dürfen. Der in die Vereinigten Staaten ausgewanderte Franzose verantwortet etwa die schlanke, typische Form der Cola-Flasche, die Logos von Shell, BP und Exxon sowie die Packung von Lucky Strike.

Eines seiner bekanntesten Arbeiten (und daher nimmt auch Google Bezug darauf) ist aber die Verkleidung für die größte und schwerste jemals gebaute Dampflok der Welt, die Pennsylvania Railroad S1, kurz PRR S1. Loewy gestaltete so das Aussehen der über 40 Meter langen, unglaubliche 276 Tonnen schweren Dampflokomotive, die über 5.884 kw Leistung verfügte – das sind rund 8.000 PS. Leider hatte die S1 die Neigung, aus der Schiene zu springen, wofür unter anderem ihre Größe verantwortlich war. Daher wurde nur ein einziges Exemplar gebaut, welches 1949 zerstört wurde. Gerüchten zufolge soll dieses Monster 227 km/h erreicht haben. Im Jahr 1946. Bei dieser Geschwindigkeit wenigstens dürfte Loewy’s Verkleidung Sinn gemacht haben.

Der Designer Raymond Loewy auf seinem Werk, der PRR S1.

Der Designer Raymond Loewy auf seinem Werk, der PRR S1.

Denn Raymond Loewy gilt als einer der Vorreiter des Stromliniendesigns, ein Jünger des Fortschritts. 1908 gewann sein Entwurf eines Modellflugzeugs einen Wettbewerb, da steckte die Fliegerei noch in den Kinderschuhen und Raymond mit seinen 15 Jahren eigentlich auch. In den folgenden fast 80 Jahren folgte er der Maxime der Funktionalität, und dieses Prinzip wendete er auch auf die Fahrzeuge an, die er entwarf: Die PRR S1 war wohl eine Schönheit, die Verkleidung hatte aber auch die Funktion, Luftwiderstand zu senken.

Loewy arbeitete auch mit einem Autohersteller zusammen. Bereits in den 30er Jahren hatte er begonnen, für die US-Marke Studebaker zu designen. Zu Beginn der 50er Jahre dann gestaltete Studebaker seine gesamte Modellpalette um, und Loewy hatte großen Anteil an dem Design des Starlight Coupés – ein Automobil, das später als „a work of art“ zum Klassiker wurde. Man kann die Philosophie des Designers erkennen – der Wagen ist für seine Zeit untypisch elegant und wirkt leichtfüßig, ebenfalls untypisch wird wenig Chromzierrat durch die Gegend getragen – ein funktionales, und damit sehr modernes Design.

1953_Studebaker

„I alienated the automotive industry by saying that cars should be lightweight and compact.. I’d also kill chrome forever, or any other applied junk.“

"Every mile a magnificient mile"

Die im Vergleich zu anderen US-Modellen der Periode flache Motorhaube und die zierliche Front zeigen den Einfluss der Stromlinie auf Loewys Design. Bei einer weiteren automobilen Ikone, die Loewy gestaltete, stand dagegen der Passagier im Vordergrund: Mitte der 50er Jahre entwarf er ein neues Reisebusmodell für die Marke Greyhound, die in den Vereinigten Staaten der Nachkriegszeit das Straßenbild auf Überlandfahrten prägten. Die hochgesetzte Passagierkabine ermöglichte den Fahrgästen einen Panoramablick, der dem Reisebus seinen Namen gab: Scenicruiser. Raymond Loewy brachte einige Details ein wie Sitzbezüge, deren Muster er an die häufigsten Flecken in Reisebussen anlehnte und so optisch verschwinden ließ.

Der schnellste Anspitzer der Welt

Während Stromlinienform bei Fortbewegungsmitteln eine Menge Sinn machen kann, ist der Luftwiderstandswert von Haushaltsgegenständen gewöhnlich zweitrangig – doch das hielt Raymond Loewy nicht davon ab, ihnen eine schnittige Form zu geben. Das vielleicht berühmteste Beispiel ist dieser Bleistiftspitzer – sinnlos, ja, aber auch sehr, sehr schön. Der schnellste Anspitzer der Welt hat unser Leben heute vielleicht weniger beeinflusst, aber Loewy’s Arbeit bestimmte das Automobildesign stärker, als die Bekanntheit „seines“ Studebaker zunächst vermuten lässt.

Wem der Begriff „Coke-Bottle-Shape“ etwas sagt, der ahnt bereits, worauf ich hinaus will. Die so bezeichnete Formgebung, die mit markanten Kotflügeln und schmaler Taille zwischen den Achsen einer liegenden Colaflasche ähnelt, hat Loewy selbst mit dem Studebaker Starliner lediglich subtil angedeutet. Aber über 10 Jahre, nachdem  Raymond Loewy der Cola-Flasche ihre heutige Form gegeben hatte, baute Chevrolet die Corvette C3, das bis heute prominenteste Automobil mit Coke-Bottle-Form und ein Design-Klassiker. Mit dem kleinen europäischen Bruder der Corvette, dem Opel GT, fand diese Form und damit Loewys Handschrift sogar ihren Weg nach Deutschland.

coca-cola-main-design 1969_Corvette

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Eine Antwort zu Aus aktuellem Anlass: Raymond Loewy

  1. opabo schreibt:

    Anekdote: Google Deutschland hatte einige Stunden den Namen als „Loewry“ falsch geschrieben. – Er hat auch den Opel-Kühlschrank „Frigidaire“ neu gestaltet sowie die „Lucky Strike“-Verpackung. Letzteres ein Meisterwerk, das sage ich jetzt mal als Nichtraucher.

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