Neues Altes (II)

Der letzte Beitrag endete damit, dass ich mit mehr oder weniger gesundem Halbwissen ein viel zu altes Auto gekauft hatte, mit zwei Monaten Rest-TÜV und viel gutem Glauben.
Das war mir erst einmal alles egal. Ich besaß jetzt fast fünf Meter feinstes Benz-Schiff, mit dem ich über die Stadtautobahn nach Hause schaukelte. Geil.
Die Entscheidung für das Coupe war bewusst gefallen. Der W123 gilt zwar inzwischen durchweg als erhaltenswerter Oldtimer, aber die Limousine ist (mir) etwas langweilig. Das Coupe dagegen, mit deutlich flacherer Frontscheibe, versenkbarer B-Säule und deutlich fließenderem Heck bewegt sich genauso so weit von der Limousine weg, um sehr viel aufregender auszusehen, ohne die Verwandtschaft zu verleugnen.
Nicht unwesentlich kam dazu, dass W123 trotz Klassikerstatus noch teilweise günstig zu haben sind. Dafür gibt es einfach noch zu viele, allein in meinem Viertel stehen drei andere mir bekannte Coupes. Kommen dann noch, wie bei meinem Modell, eine nur mittelmäßig schmeichelhafte Historie (4 Vorbesitzer, 280tkm), einige weniger offensichtliche Schönheitsfehler (die mir nun nach und nach auffielen) und sehr offensichtliche Baustellen (Auspuff komplett durch, Reifen komplett runter), und das nicht vorhandene H-Kennzeichen dazu (was wird der Prüfer wohl zu den diversen Roststellen sagen?), kann man durchaus einen Schnapp machen.
Oder richtig ins Klo greifen. Bei den ersten Ausfahrten sammelten sich nun die Baustellen auf der imaginären ToDo-Liste an. Bekannt war das leichte Kleckern des Motors, die nicht funktionierende Klima und das fest steckende Schiebeach. Dazu kamen nun langsam weitere Punkte. Vor allem fiel mir auf, dass der Kilometerzähler nur bedingt mit läuft. Man könnte auch sagen: Eigentlich gar nicht. Die 280 angezeigten konnten also gut und gerne auch deutlich mehr sein, wer weiß.
Für die Bestandsaufnahme, auch hinsichtlich des baldigen TÜV-Termins, konsultierte ich einen über mehrere Ecken bekannten KFZ-Mann, der sich auf alte Mercedes spezialisiert hatte. Eine halbe Stunde lang öffnete ich sämtliche Öffnungen des Automobils für den kritischen, Taschenlampen-unterstützten Blick des Kollegen, immer wieder nervös die Mundwinkel des Fachmanns beobachtend. Wie im Film: 20 Minuten nur gucken, dann Fazit. Dieses fiel dann nicht nur erleichternd gut, sondern vor allem meinem eigenen Eindruck überraschend ähnlich aus: „Motor klingt scheiße, aber Substanz ist in Ordnung“.
Ich hatte mich natürlich auf das katastrophale Rostloch eingestellt, das ich übersehen hatte oder andere vollkommen zerstörte Teile. So gesehen ein durchaus positives Resultat. Nicht zuletzt stand immer noch das Lenkspiel im Raum als monetäres Risiko. Aber das schien sich im Rahmen zu bewegen, bildlich gesprochen. Auch wenn nicht alles rosig war, mit dem vorhandenen schien man arbeiten zu können. Wir machten einen ersten Werkstatttermin aus, neben den offensichtlichen Problemchen würde die Hebebühne wahrscheinlich einige weitere Baustellen zutage fördern.
Ich war aber erstmal schwersten beruhigt. Offensichtlich kein kompletter Klogriff, und dazu gab es noch väterlicher Rat zu allen möglichen Stellen, die peinlichst sauber zu halten sind, damit sich keine Pfützen bilden, von denen ich die Hälfte natürlich sofort wieder vergaß und Nachlesen musste. Denen konnte ich mich nun erstmal in aller Ruhe widmen, nebst kompletter Innenraumreinigung: Oberflächen ich, Sitze und Polster die Herren von CleanCar mit Ihrem Dampfdruckreiniger. Und dann ging es zur ersten Ausfahrt – ins Einkaufszentrum. Aber immerhin!

2015-05-08 19.12.45

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Deutsch, Do it yourself, Klassik, Meiner, Probefahrt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Neues Altes (II)

  1. opabo schreibt:

    Sieht doch gut aus, so ein W123 Coupé ist schon was. Den Gebrauchtwagenkauf im Affekt kenne ich übrigens auch ;-) Bei meinem Astra G stellten sich die Mätzchen einen Monat nach den sechs Monaten Händlergewährleistung ein. Batterie, Bremsen, Federn – alles Verschleißteile und davon eh nicht betroffen. Nun ja. Man muss es positiv sehen: nach einigen Jahren Erfahrung mit den baureihetypischen Problemen wird man selbst zum Experten.
    Würde definitiv nie mehr kaufen ohne das Inspektionsscheckheft gesehen zu haben, und zwar müssen da detailliert die jeweils gemachten Überprüfungen gelistet sein und nicht nur ein allgemeines Kreuzchen. „Hab‘ ich selbst gemacht“ zählt natürlich sowieso nicht.

  2. Benjamin schreibt:

    Jo, ein paar spezielle Macken lernt man langsam kennen. Und über die Verschleißteile hab ich hinweg geschaut – davon sollten auch noch einige dazu kommen. Aber davon beim nächsten Mal mehr :-)
    Ein vorbildlich gepflegtes Checkheft ist immer besser – aber man muss es so sehen, wie du sagst: Wenn es fertig wäre, könnte man ja nicht basteln. Keine Obi-Momente, quasi.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s